Mannheimer Morgen

17-jähriger Jungadler-Torhüter führt bei seinem überraschenden Profi-Debüt den Mannheimer Zweitliga-Kooperationspartner Heilbronn zum Sieg

Unverhofft steht Lehr im Rampenlicht


Heilbronn/Mannheim. Rico Rossi wollte etwas loswerden. Der Trainer der Heilbronner Falken musste diese Gelegenheit einfach nutzen. Und so fiel sein Statement zum 3:1-Sieg in Weißwasser außergewöhnlich aus: "24 Stunden vor der Partie standen wir ohne Torhüter da. Es wäre einfach gewesen, die 700 Kilometer nach Weißwasser zu fahren mit der Einstellung, dass mit unserem erst 17 Jahre alten Schlussmann Philip Lehr sowieso nichts drin ist. Aber das haben wir nicht gemacht. Das zeigt den Charakter des Teams, ich bin stolz auf meine Mannschaft", sagte der 45-jährige Kanadier und erntete in der Pressekonferenz dafür Applaus - als Trainer der Gästemannschaft wohlgemerkt.

In der Tat war die Situation des Eishockey-Zweitligisten eine besondere. Da Réjean Beauchemin verletzungsbedingt fehlte und Förderlizenzler Felix Brückmann wegen des kurzen Heimataufenthalts von Adler-Torhüter Fred Brathwaite beim Mannheimer 4:2-Erfolg in Köln als Ersatzmann auf der Bank Platz nehmen musste, war bei den Falken guter Rat teuer: Wer sollte zwischen den Pfosten stehen?
Nervosität legt sich schnell

Kurzerhand lizenzierte Mannheim Jungadler-Schlussmann Philip Lehr. Der gebürtige Berliner kam somit unverhofft zu seinem Profi-Debüt - und was für eines! Der U-18-Nationalspieler sicherte Heilbronn den Dreier und wurde zum Spieler des Tages gewählt. "Am Anfang war ich nervös. Als es immer besser lief, wurde ich sicherer", erzählt Lehr: "Man kann schon sagen, dass für mich ein Traum in Erfüllung gegangen ist."

Rossi stimmte eine Lobeshymne auf Lehr an, der mit dem zweimaligen Torschützen Fabio Carciola zum Sieggaranten avancierte: "Philip hat eine überragende Leistung gezeigt. Er wird diese Partie, seine erste auf Profi-Ebene, nie vergessen."

Lehr war zu keiner Phase der Partie anzumerken, dass ihm eine wahre Odyssee in den Knochen steckte. Am Wochenende zuvor hatte er mit der deutschen U 18 beim Vier-Länder-Turnier in der Slowakei Rang zwei belegt. Und in dieser Woche ging es genauso weiter: Am Dienstag und Mittwoch gab es Siege in Bad Tölz (7:2 und 2:1 nach Verlängerung), am Samstag (17 Uhr) und Sonntag (11 Uhr) stehen die Begegnungen mit dem EV Landshut an.

Auch wenn sich einige Außenstehende über Lehrs fulminante Premiere als Profi wundern - Jungadler-Trainer Helmut de Raaf gehörte nicht dazu. "Es ist eine Sache des Vertrauens, einen solch jungen Spieler ins kalte Wasser zu werfen. Andere Nationen wie Finnland machen uns vor, wie es geht. Da ist es nichts Ungewöhnliches, wenn ein 18-Jähriger in der Ersten Liga im Kasten steht. Bei uns wird schon gezittert, wenn ein 17-Jähriger bei einem Zweitligisten das Tor hütet."

Oft wird den Talenten nur in der größten Not eine Chance gegeben - und meist steht der Nachwuchs seinen Mann. So wie die 18-jährigen Goalies Jonas Langmann und Lukas Steinhauer beim DEL-Spitzenreiter Hannover Scorpions. Auch Philip Lehr sieht hier großen Nachholbedarf: "Es stimmt schon, dass es deutsche Talente im eigenen Land nicht gerade einfach haben."

Zur Saison 2009/10 ging der Torhüter zu den Mannheimer Jungadlern. "Ich habe in Berlin nicht so viel Eiszeit bekommen, wie ich mir erhofft habe", erzählt Lehr, der deswegen nicht lange überlegen musste, als de Raafs Anfrage kam, ob er sich einen Tapetenwechsel vorstellen könne. "Philips Einstellung zum Sport und sein Talent passen zusammen", lobt der Mentor seinen "sehr beweglichen" Schützling.

Der kann maximal noch zwei Jahre die Pucks bei den Jungadlern fangen. Natürlich träumt Lehr wie alle Gleichaltrigen mit Potenzial von einer Karriere in der NHL. Er will sich durchbeißen - so wie es ihm sein großes Vorbild, Stanley-Cup-Sieger Ed Belfour, vorgemacht hat.

Höfflin macht es vor

Auch ein ehemaliger Kollege hat dem Berliner gezeigt, wie es gehen kann: "Mirko Höfflin ist ein Musterbeispiel für die Jungadler-Schule. Er hat drei Jahre lang die tolle Mannheimer Ausbildung genossen, ist dann von einem NHL-Klub gedraftet worden und spielt jetzt in einer kanadischen Juniorenliga." Einen ähnlichen Weg peilt Lehr an. Steht er dann irgendwann im Madison Square Garden zwischen den Pfosten, wird er sich lachend an seine Kindheit erinnern, als ihn sein Vater lieber ins Fußball- als ins Eishockey-Training geschickt hätte. "Manchmal ist Fußball aber richtig langweilig", meint Philip, der sich nicht nur gegen seinen Vater, sondern auch gegen andere Jungs mit Talent durchgesetzt hat. Mit dieser Qualität kann es Lehr noch weit bringen.