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Scott_Stevens
31-05-09, 14:40
Sommerinterview mit Marcus Kuhl - Teil 1

31. Mai 2009 Die Saison 2008/09 ist mit dem Ausscheiden im Halbfinale gegen die Eisbären Berlin, die eine Woche später erneut die Meistertrophäe in die Höhe stemmen konnten, Anfang April zu Ende gegangen. Es war eine Saison, die sehr gut begonnen hatte, die aber im weiteren Verlauf eine Tendenz nach unten zeigte. Erst mit Beginn der Play-Offs und dem kurz zuvor vollzogenen Trainerwechsel von Dave King zu Teal Fowler konnte der Abwärtstrend gestoppt werden. Eine erfolgreiche Serie gegen die Sinupret Ice Tigers im Viertelfinale und eine ordentliche, wenn auch nicht erfolgreiche Halbfinalserie gegen die Eisbären Berlin zeigte die Adler wieder in der Verfassung und mit der Leidenschaft, die die Anhänger auch vom Team erwarten. Wir sprachen mit Marcus Kuhl ebenso über die abgelaufene Saison wie auch über die im September beginnende neue Spielzeit. Das große Sommer-Interview lesen Sie in zwei Teilen. Den ersten Teil finden Sie hier, den zweiten in der kommenden Woche an gleicher Stelle.


• Herr Kuhl, wie fällt Ihre persönliche Bilanz für die letzte Saison aus?

Um diese Frage zu beantworten, möchte ich ein wenig weiter ausholen, da für mich die letzten zwei Jahre eng verknüpft sind. Nach der gewonnenen Meisterschaft im April 2007 dachten wir, dass wir ein Team zusammen haben, dass ähnlich wie in den späten 90er Jahren mehr als eine Saison funktioniert. Mit den beiden Coaches Greg Poss und Teal Fowler kamen wir schnell überein, wenig ändern zu müssen, da die Rädchen alle ineinander griffen. Mit lediglich gezielten Verstärkungen hatten wir vor, auch 07/08 und 08/09 die Spitze angreifen zu können.

Mit Adam Hauser und Michael Hackert, die Jean-Marc Pelletier und Nathan Robinson ersetzen sollten, hatten wir zwei sehr gute Spieler nach Mannheim geholt. Mehr Spielraum hatten wir ohnehin nicht, da der Kader ansonsten stand und mit dem, der 2007 Pokal und Meisterschaft gewonnen hatte, auch gut passte. Aber im Sommer war im Teamgefüge etwas passiert, was dann zu einer schon nicht befriedigenden Saison 07/08 geführt hatte. Auch für die vergangene Spielzeit waren uns die Hände gebunden, da viele Spieler noch über gültige Verträge verfügten. Von heute aus betrachtet müssen wir uns eingestehen, dass die beiden vergangenen Jahre nicht zufriedenstellend verlaufen sind und wir unsere Ziele nicht realisieren konnten.

Bis Ende Dezember war die Platzierung der Mannschaft in der Tabelle in Ordnung, der Blick ging noch nach oben. Im Januar und Februar waren die Leistungen dann nicht mehr zufriedenstellend, der Blick ging eher nach unten. In den Play-Offs haben wir zumindest zum Ende hin nochmal die Kurve bekommen.

• Was sind die Konsequenzen aus diesen Einsichten?

Wir haben den Kader zur neuen Saison hin wieder zu großen Teilen umgebaut und ihn läuferisch und technisch verbessert. Darüber hinaus ist auch das Durchschnittsalter deutlich nach unten gegangen, was in einer langen Saison sicher nicht von Nachteil sein wird. Wir denken, dass wir mit dem aktuellen Kader in Verbindung mit dem neuen Trainer Doug Mason wieder angreifen können und hoffen, den Eisbären in der neuen Saison Paroli bieten zu können.

• Das ist die Aufgabenstellung für Doug Mason und Teal Fowler?

Ja, auf jeden Fall. Beide Coaches stehen für attraktives, schnelles und offensives Eishockey. Beide sind eher sogenannte „Player-Coaches“, die einen engen Kontakt zu ihren Spielern pflegen und diese respektvoll behandeln, sie wenn notwendig auch in Entscheidungen mit einbeziehen. Aufgrund ihrer Vita genießen aber dennoch beide den notwendigen Respekt der Spieler, was ebenso wichtig ist.

• Dave King war da ein ganz anderer Typ Trainer?

Ja, klar. Dave King ist ein Trainer alter, kanadischer Schule. Er ist streng, und authoritär. Das funktioniert bei der heutigen Spielergeneration in Europa nicht mehr. Vielleicht hat es noch nie langfristig funktioniert. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Trainer in Europa eingeschränkter sind als in den USA oder Kanada. Trainer in der NHL haben die absolute Macht. Passt ein Spieler nicht mehr, bringt er keine Leistung oder zieht er nicht mit, dann ist er schneller aus dem Team als er schauen kann und am nächsten Morgen sitzen andere Spieler auf seinem Platz, die es wissen wollen und dafür alles geben. Dieses Druckmittel fehlt in Europa, weshalb man als Trainer hier mit den Spielern auch anders umgehen muss. In Europa ist es wichtig, einen gesunden Mittelweg zu finden zwischen dem Profi als Mensch und als Sportler.

• Wurde die Trennung von Dave King angesichts dieser Sicht eventuell von heute aus betrachtet ein paar Wochen zu spät vollzogen?

Nein, das denke ich nicht. Der Zeitpunkt kurz vor den Play-Offs war zwar ungewöhnlich, aber durch das Wissen, vor dem ersten Viertelfinalspiel noch zwei Wochen Zeit zu haben, um die Stellschrauben zu korrigieren, hatten wir die Sicherheit, noch etwas bewegen zu können. Die Woche in Garmisch gab uns genug Zeit, um uns auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. Die Trainer, auch Greg Thomson, den wir aus Ingolstadt für die Zeit der Play-Offs loseisen konnten, waren in der Lage, Emotionen zu wecken und so ein neues Wir-Gefühl zu erzeugen, das auch auf dem Eis funktioniert hat.

• Wäre die Trennung früher erfolgt, wäre aber vielleicht noch ein besserer Platz in der Vorrunde drin gewesen?

Ja, damit wäre man vielleicht den Eisbären im Halbfinale aus dem Weg gegangen, aber vielleicht wäre man da gar nicht hingekommen, hätte man gegen ein anderes Team im Viertelfinale spielen müssen. Es ist schwierig, diese Frage befriedigend zu beantworten.

• Nochmal zurück zu Teal Fowler. Was hat er konkret gemacht, um die Mannschaft auf seine Seite zu bekommen?

Teal hat von Anfang an ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut und Verantwortung auch an die Mannschaft weitergegeben. Er hat sie in Entscheidungsprozesse mit einbezogen. Er hat in Spielern wie Michael Hackert oder Jason Jaspers wieder ein Feuer entfacht, das zu einer Leistungssteigerung geführt hat. Der Druck unter Dave King war manches Mal so immens groß, dass manche Spieler damit nicht umgehen konnten und schon von vornherein Angst vor dem Misserfolg hatten. Gewissermaßen hat Teal Fowler die Jungs wieder zu mündigen Spielern gemacht, indem er ihnen den Druck genommen hat und sie in seine Entscheidugsprozesse mit einbezogen hat.

• Mit Dave King war eine Zusammenarbeit auch für die nächsten Jahre geplant. Ist das nach dem plötzlichen Ende jetzt noch möglich?

Wir werden sicher auch in Zukunft den Kontakt zu Dave King pflegen, so wie wir ihn auch zu Lance Nethery, Sean Simpson und anderen erfahrenen Persönlichkeiten der Branche pflegen. Was das Scouting allerdings angeht, haben wir einen Vertrag mit einer großen amerikanischen Scouting-Firma abgeschlossen, die auch für die NHL arbeitet und sowohl die Spielermärkte in Europa als auch in Übersee beobachtet. Weltweit sind 50 bis 60 Scouts regelmäßig im Einsatz und fertigen mehr oder weniger über jeden Spieler, der interessant erscheint, ein „Scouting-Book“ an. Für uns ist das besonders interessant, wenn wir Spieler von Agenten angeboten bekommen, die wir noch nicht kennen. Über diese können wir dann einen kompletten Scouting-Bericht anfordern und uns so selbst ein Bild des Spielers machen. Die Scouting-Reports enthalten alle Informationen, die man sich wünschen kann. Von Charaktereigenschaften, Entwicklung in den letzten Jahren, Talente usw.
Interessant ist für uns auch, dass wir bei Besuchen in Übersee schon im Vorhinein über die Agentur Termine mit interessanten Spielern vereinbaren können, so dass wir diese dann persönlich interviewen können. Darüber hinaus erhalten wir auch Angebote über sogenannte „prospected players“, also Spieler, die in einigen Jahren mal für den europäischen Markt interessant werden könnten, um so schon frühzeitig Kontakte zu knüpfen. Da die Agentur auch die ECHL (East Coast Hockey League) scoutet, ist auch Rico Rossi in Heilbronn geholfen, da er seine Import-Spieler in der Regel aus der ECHL rekrutiert.

Fortsetzung folgt am 7. Juni 2009.

www.adler-mannheim.de

Scott_Stevens
08-06-09, 06:18
Sommerinterview mit Marcus Kuhl - Teil 2

Mannheim. (adler) Nachdem im ersten Teil des großen Sommerinterviews mit Marcus Kuhl viel über die vergangene Saison gesprochen worden ist, geht im zweiten Teil der Blick nach vorne. Lesen Sie alles über die Erwartungen, den neuen Trainer und erfahren Sie erste Einschätzungen über die neuen Adler-Cracks, die ab Ende Juli in Mannheim das Sommertraining aufnehmen werden. Den ersten Teil des Sommerinterviews mit Marcus Kuhl finden Sie im Newsbereich.

• Welche Erwartungen haben Sie eigentlich an die neue Saison?

Der größte Wunsch ist natürlich mal wieder eine Finalteilnahme. Das Team ist auch so gebaut, um dieses Ziel anzustreben. Diesem Druck sind wir nächste Saison ausgesetzt, aber diesen Druck müssen wir auch aushalten.

Ich erwarte, dass wir in der neuen Saison wieder offensives und technisch hochwertiges, also attraktives Eishockey spielen. Unser Ziel wird es sein, den Eisbären, die für mich aufgrund ihrer gewachsenen Strukturen auch in der neuen Saison der Topfavorit sind, den Titel streitig zu machen.

• Mason wird der neue Adler-Coach, der diese Wünsche in die Tat umsetzen soll. Warum ist die Wahl auf ihn gefallen?

Wir haben, da die Entscheidung Dave Kings, seinen Vertrag nicht zu verlängern, schon sehr früh gefallen ist, viel Zeit gehabt und diese auch damit genutzt, mit insgesamt 15 Trainern zu sprechen. In diesen Interviews hat Doug Mason den mit Abstand besten Eindruck hinterlassen. Sein Konzept war sehr stimmig, seine emotionale Einstellung überzeugend, seine Einschätzung des Teams sehr realistisch. Hinzu kam bei ihm der Vorteil, dass er Land und Liga kennt, mit der Mentalität vertraut ist und darüber hinaus schon mit Teal Fowler zusammengearbeitet hat. Beide funken auf derselben Wellenlänge und verstehen sich sehr gut.

• Haben Sie nur mit Trainern mit DEL-Erfahrung gesprochen?

Nein, wir haben auch mit sechs Kandidaten gesprochen, die über keinerlei Europa-Erfahrung verfügen. Es war am Ende auch eine grundsätzliche Entscheidung, ob wir das Risiko eingehen und einen Coach verpflichten, der eine gewisse Eingewöhnungsphase braucht oder eben einen, der direkt loslegen kann. Wir denken, dass wir mit Doug Mason eine gute Wahl getroffen haben. Er brennt auf diese neue Aufgabe und passt mit seiner Art auch sehr gut nach Mannheim.

• Lassen Sie uns am Ende noch ein wenig über die einzelnen Spieler sprechen. Charakterisieren Sie doch die einzelnen Jungs mal ein wenig! Was für ein Spielertypus ist zum Beispiel Mario Scalzo?

Mario Scalzo ist mit seinen 24 Jahren ein für europäische Verhältnisse noch sehr junger Verteidiger, dessen Stärken nicht im läuferischen Bereich liegen, der aber sehr intelligent spielt und einen sehr guten ersten Pass spielen kann. Seine Entwicklung von den US-Minors über Österreich in die DEL ist eine kontinuierlich aufsteigende Entwicklung. Seine Erfahrung im Team Kanada beim Spengler Cup und beim Deutschland Cup ist auch nicht von der Hand zu weisen. Er ist auf jeden Fall ein Gewinn für unsere Defensive.

• Andy Hedlund und Jame Pollock?

Beide verfügen über Europa-Erfahrung und beide sind offensiv ausgerichtet. Jame Pollock, der früher Stürmer gespielt hat, verfügt über einen sehr guten „One-Timer“ und wird uns ebenso wie Andy Hedlund gerade im Powerplay von der blauen Linie aus viel weiterhelfen. Darüber hinaus ist Andy Hedlund ein typischer Führungsspieler, ein Leader, der ein ganzes Team mitreißen kann.

• Chris Schmidt?

Chris Schmidt ist ein sogenannter Charakterspieler, der sehr ernst- und gewissenhaft seinen Job verrichtet. Er spielt sehr ruhig und ist souverän an der Scheibe. Er ist am ehesten mit Sven Butenschön vergleichbar. Die beiden sind ein wenig das Korrektiv zu den Offensiv-Defendern Trepanier, Hedlund und Pollock.

• Kommen wir zu den Stürmern. Zu Nathan Robinson muss man nicht viel sagen!

Richtig. Wir kennen ihn noch alle aus der Saison 2006/07. Er ist ein Kreativspieler, dem zuzuschauen oft eine Augenweide ist. Er ist zwar schwer zu handeln, da er als Künstler gilt, aber außer vielleicht Düsseldorfs Brandon Reid hat kein anderer Spieler in der DEL solch ein großes Talent.

• Scott King?

Scott King hat schon bei vielen Teams bewiesen, dass er scoren kann. Er ist ein sogenannter „skilled sniper“, was so viel heißt, dass er nicht nur scort, sondern auch ein Spiel lesen kann und dadurch immer extrem gefährlich ist, wenn er auf dem Eis steht und ins gegnerische Drittel eindringt. Gerade bei Überzahl ist er ein sehr wertvoller Spieler mit vielen überraschenden Ideen.

• Justin Papineau?

Papineau ist zwischen Nathan Robinson und Francois Methot angesiedelt. Ein läuferisch und technisch sehr begabter Spieler. Er hat es zwar in Übersee, obwohl er ein überdurchschnittlicher Spieler ist, nie geschafft. Doch das liegt eben daran, dass er von der Anlage ein Spieler für die erste oder zweite Reihe ist. Da spielen in der NHL allerdings dann doch nochmal ganz andere Kaliber. In der DEL ist er ein außerordentlicher Spielertyp, der sich, wie schon erwähnt, irgendwo bei Robinson und Methot befindet.

• Yannic Seidenberg ist ebenfalls schon bekannt in Mannheim.

Ja, Yannic hat als ganz junger Spieler schon in Mannheim gespielt, sich aber erst in den letzten Jahren richtig weiterentwickelt bis hin zum gestandenen Nationalspieler. Er ist läuferisch sehr stark, schnell und für den Gegner ein sehr unangenehmer Spielertypus. Er ist sehr ehrgeizig und setzt auch seinen Körper sehr gut ein.

• Im Tor ersetzt Lukas Lang Danny aus den Birken.

Vom Talent her bewegen sich beide auf einer Ebene, wobei Lukas Lang mehr Erfahrung mitbringt. Immerhin hat er in Duisburg schon zwei Saisons regelmäßig in der DEL gespielt. Er wird den Anspruch haben, um 15 Spiele zu absolvieren, was in der kommenden Saison auch funktionieren sollte.

• Und dann werden mit Marc El-Sayed und Matthias Plachta noch zwei Jungadler förderlizensiert.

Richtig. Plachta und El-Sayed sind sicher die zwei besten aus dem diesjährigen Jungadler-Team, benötigen aber auf jeden Fall noch Praxis in der 2. Liga bei Heilbronn. Der Sprung in die DEL ist zu groß. Beide Spieler wissen das, schätzen die Lage realistisch ein und werden das Lehrjahr annehmen.

• Zum Schluss noch eine mehr oder weniger persönliche Frage. Wie würde für Sie eine perfekte Eishockey-Saison aussehen?

So wie die Spielzeiten 1996/97 und 2006/07. In diesen beiden Jahren hat alles so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir haben offensives, schnelles und attraktives Eishockey gesehen. Wir haben die wichtigen Last-Minute-Tore erzielt, Overtimes gewonnen, hatten Leidenschaft, aber auch Kampf. Das waren zwei Saisons ohne eine einzige Krisensitzung. Einfach perfekt.

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