Alles für den Dackel

„Die Players Liga“ ist die wohl größte Hobbyliga für Eishockey und Inlinehockey in Deutschland.


Auf die Kufen steigen dort absolute Quereinsteiger oder Väter, deren Söhne Eishockey spielen. Das ergibt eine kuriose Teammischung. Und nicht alles wird bierernst genommen – noch nicht mal der Aufstieg. Ein Besuch bei den Mannheimer „Eisbrechern“.

Von Daniel Krauser

Bernd Ernst ahnt, was die heutige Trainingseinheit im Mannheimer Eissportzentrum Herzogenried mit ihm machen wird. „Mir tut alles weh, morgen früh“, sagt Ernst, 46, und grinst. Auf dem Eis läuft gerade das Spiel auf ein Tor, es ist nur ein funktionstüchtiger Torwart vor Ort. Bernd Ernst schwitzt, und Bernd Ernst referiert kurz und sympathisch selbstironisch seine eigene Eishockey-Geschichte. Mehr Quereinsteiger in den Kufensport geht kaum: In fortgeschrittenem Alter angefangen, „da konnt’ ich noch nicht mal Schlittschuh laufen“, sagt er. Vorher Fan gewesen? „Gar net“, sagt Ernst. Bei den Ligaspielen in der regulären Saison und den Play-offs läuft er gar nicht auf, „ich trainier’ nur“. Im Hintergrund läuft die typische Eishockey-Geräuschkulisse: das satte Knallen von Pucks an die Bande, das an den Zusammenstoß eines Pelikans mit einer Kokosnuss erinnert.

Freitagabend Mitte März. Das Saisonende naht für die Mannheimer „Eisbrecher“: Das Halbfinale in den Play-offs der „Players Liga“ (DPL) steht in Bälde an (brutaler Spoiler: wird gewonnen), man spielt Dritte Division. Die Finals der fünf Divisionen der Liga werden Ende März ausgespielt (brutaler Cliffhanger: wie’s ausgeht, wird erst später verraten). „Bush League“- oder „Beer League“-Eishockey wird das, was die Eisbrecher da machen, in Nordamerika despektierlich genannt – was allerdings unfair wäre.

54 Mannschaften mit etwa 1100 Aktiven gibt es in „Die Players Liga“, nach eigenen Angaben die „größte Hobby Eishockey- und Inlinehockeyliga Deutschlands“. Was damit zu tun hat, dass die Kurpfalz eine Eishockey-Hochburg ist: Der MERC beispielsweise bildet viele Jugendspieler aus, die Mannheimer „Maddogs“ ebenfalls – und nicht jeder gut ausgebildete Spieler will oder kann in der Regionalliga auflaufen. Weshalb im Eissportzentrum Herzogenried beim Training neben Quereinsteiger Ernst Leute wie Topscorer Thomas Fischer oder Felix Rapp auf dem Eis stehen, beide bei den Jungadlern gewesen und erkennbar gut geschult. „Man sieht auf Anhieb, wer’s von der Pike auf gelernt hat und wer nicht“, sagt der „Eisbrecher“-Vorsitzende Thorsten Walz, Verteidiger.

Sohn Marvin, eigentlich in der DEL 2 in Bayreuth aktiv, trainiert heute mit. Auch das ein wichtiges Moment bei der Gründung der „Eisbrecher“ vor mehr als 15 Jahren, meint Walz: Es sind viele Väter dabei, deren Söhne mit dem Eishockey-Sport begonnen haben, die Walz’, die Rapps, die Fiesers beispielsweise. Früher hat man noch Vater-Sohn-Turniere ausgetragen, das muss irgendwann für eine Seite gar zu deprimierend geworden sein. „Wenn die so zwölf sind und das von Grund auf gelernt haben, ist es vorbei“, sagt Thorsten Walz. Immer noch Kratzen und Knallen und immer noch Spiel auf ein Tor im Hintergrund: Michael Wieser, Torhüter Nummer 1, kann an diesem Freitagabend nicht. Der Mann ist Chirurg. Wer Skalpell kann, kann halt auch Kelle.

An der Bande verschnauft gerade Markus Edelmann, der spielt eigentlich in Ludwigshafen-Oppau Fußball und steht dort im Tor. „Heute hier, am Sonntag auf dem Platz“, sagt er. Eine Leidenschaft für Eishockey hat er schon immer gehabt und sich irgendwann eben zum Quereinstieg in einen Sport entschieden, der durchaus anspruchsvoll ist: Schlittschuhlaufen, Passen, Schießen, Spielverständnis, das alles in adäquater Koordination – und in Sekundenbruchteilen abgefragt. Hat er da, angesichts der Anfangsschwierigkeiten, jemals ans Aufhören gedacht? „Nein“, sagt Edelmann. „Es macht zuviel Spaß.“


Die „Eisbrecher“, wild zusammengewürfelt aus ehemaligen Ligaspielern, Vater-Sohn-Gespannen und Quereinsteigern – sie funktionieren wohl trotz oder wegen jener Vielfalt als Team. Wer in der Verein darf und wer nicht, darüber entscheiden die Mitglieder per Abstimmung. Man hat auch schon Leute abgelehnt. „Alles für den Dackel, alles für den Club“, sagt „Eisbrecher“ Walter Ott, und der muss das Eishockey und seinen Club wirklich schätzen: Der Ludwigshafener hatte einen Schlaganfall, am Rande eines Spiels – und lässt es sich trotzdem nicht nehmen, in Montur fürs Mannschaftsfoto aufzulaufen, Sohn Sebastian hilft beim Anlegen. „Teamgeist und Kameradschaft“, schätzt Ott an seinem Sport. „Und es ist hart“, sagt er.

Da ist er bei den „Eisbrechern“ an der richtigen Stelle gelandet: Das Team hat einen Ruf für körperbetontes Spiel, das Play-off-Halbfinale gegen die „Canaducks III“ wird man auch so gewinnen. Beinahe wäre man allerdings „verpfiffen“ worden, meint Betreuer Martin Seip, man pfeift in Deutschland halt zu kleinlich.

Saisonfinale in Eppelheim, letzter Märzsonntag. Um die 1000 Besucher werden sich über den Tag hinweg die Finals in den fünf Divisionen der Players Liga anschauen. Früher Nachmittag, es läuft gerade das Finale der vierten Division, Schorle Adler I gegen Wiesbaden Vikings II. „Geschieht dir recht, du Fo****nas“, brüllt einer aus dem Wiesbaden-Fanblock. Was ein stückweit traurig und betroffen macht, weil die Fo****nase eigentlich unfair von hinten angegangen wurde, von irgendeinem Flachwi*****.

Musste jetzt raus, gepflegtes Pöbeln gehört zum Eishockeysport. Spielerisch wird das „Niveau“ der DPL „immer besser“, meint Achim Jourdan, Zweiter Vorsitzender der Liga und Betreiber eines Fachgeschäfts für Eishockeybedarf in Mannheim („Top on Ice“): In den beiden höchsten Divisionen der DPL kurven viele ehemalige Ligaspieler. Verletzungen gibt’s in der Hobbyliga durchaus, Bänderdehnungen, Schulterverletzungen. Eisbrecher Frank Fieser wird heute nicht auflaufen, Schuss auf den Knöchel, „ich komm’ nicht in den Schlittschuh“, sagt er. Schwere Malaisen sind selten: „Checks gegen den Kopf“, das große Übel in der NHL, „kommen eigentlich nicht vor“, meint Jourdan.

Wer spielt, muss als Hobbyist nicht nur gelegentlich wegstecken, sondern durchaus auch raustun können: Um die 230 Euro werden laut Jourdan in der Halle pro Trainingseinheit à 90 Minuten fällig, bei einer Eiszeit pro Woche also rund ein Tausender im Monat für das Team. Und da will man als gestandener Eisbrecher kurz vor dem Abort eben nicht ab...bauen. Eigentlich ist das Finale der Division 3 nämlich auch das Aufstiegsspiel. Ob man überhaupt aufsteigen will, da ist man sich allerdings gar nicht so sicher, wie Thorsten Walz schon beim Training in Mannheim angemerkt hat: Die Leistungsdichte in den oberen beiden Divisionen ist ziemlich hoch. Fraglich, ob sich die vereinseigene Mischung aus Ambition und Hobbyismus da noch halten lässt.


Beim Finale dürfen jedenfalls erst mal alle auflaufen. „Nicht abschießen lassen“, mahnt Topscorer Fischer in der Kabine. „Kämpft um jeden Meter Eis!“ Der Gegner, die Eisbären Heilbronn II, ist läuferisch überlegen, am Einsatz der Eisbrecher gibt’s allerdings nichts zu mäkeln. Fischer und Rapp sind beide schwer vom Puck zu trennen, verbuchen jeweils ein Tor und einen Assist in der regulären Spielzeit. Geutner und Schneider stehen in der Abwehr solide, so wie Wieser im Tor. Am Ende steht dann vor allem der Kernkader aus sieben, acht Spielern auf dem Eis, und ganz am Schluss wird’s, tja, etwas unübersichtlich. Das Spiel endet mit drei Spieldauerstrafen und in der Overtime, Fischer macht das goldene Tor.

5:4 gewonnen. In die Zweite Division aufgestiegen. Und jetzt die bange Frage: Darf Bernd Ernst noch mitspielen, genauer: mittrainieren? Sowieso, meint Martin Seip. „Da wird sich nichts dran ändern.“ Vielleicht holt man sich Verstärkung, „muss aber menschlich passen“, meint er. Und wenn’s nicht klappt, das Abenteuer Zweite Division der DPL? „Dann steigen wir halt wieder ab“, meint Seip.


www.rheinpfalz.de